Erwin Ebermann154
Ich begrüße die Anwesenden, ersuche jeden einzelnen, sich vorzustel-
len, nicht nur mit seiner Funktion, sondern auch mit seinen Interessen. Berüh-
rungspunkte werden klar, wie an teilweisen überraschten Bewegungen mancher
Köpfe erkennbar ist. Ich halte ein kurzes einleitendes Referat über die Situation
von Afrikanern in Wien mit starker Betonung häufig vorkommender Mißver-
ständnisse, über afrikanische Höflichkeitsformen und warum manche Weisen,
Afrikaner anzusprechen, besonders verletzend sind; über die in Afrika weitver-
breitete Kunst der positiven Weltsicht, die „Die Flasche ist halbvoll“-Mentalität
usw. Dann spricht auf meinen Wunsch Killian Okanwikpo, ein distinguierter äl-
terer Herr mit feinsinniger Ausstrahlung und Leiter der Association for Demo-
cracy in Africa, einige Worte über Bereiche, in denen sich Afrikaner besonders
mißachtet fühlen. Nun leite ich die Diskussion ein: ich ersuche die Anwesen-
den, die gegenseitigen Assoziationen auf eine Tafel zu schreiben. Da steht bei
den Polizisten recht prominent Drogenhandel, bei den Afrikanern Mangel an
Respekt, Willkür und ähnliches. Wir diskutieren diese Vorbehalte. Es entwik-
kelt sich ein leidenschaftliches Gespräch, das dennoch stets konstruktiv bleibt.
Vieles wird angesprochen, wie die Angst jüngerer Polizisten vor der ihrer Mei-
nung nach zunehmenden Brutalität der Kriminellen und dem Gefühl, sich des-
halb keinen Fehler erlauben zu dürfen, was zu einer schrofferen Art beiträgt.
Die Afrikaner beklagen sich wiederum u.a. über die Verwendung des verletzen-
den Ausdrucks Neger durch Polizisten. Ein älterer Polizist meint, er würde sich
diesen Ausdruck nicht nehmen lassen, weil er ihn gewöhnt sei und er ihn nicht
beleidigend finde. Wir diskutieren darüber, ob man einen Ausdruck verwenden
sollte, wenn ihn der Andere als verletzend empfindet. Jüngere Polizisten ersu-
chen die Afrikaner, ihrerseits Pauschalierungen zu unterlassen und nicht gene-
rell alle Polizisten für Rassisten zu halten. Gerade jüngere Polizisten seien oft
anders als manche ältere Kollegen. Sie ersuchen auch, ihre Sachzwänge zu ver-
stehen, daß sie bestimmte Aufträge der Gesellschaft erhalten und dabei mitunter
zwischen den Stühlen sitzen. Die Afrikaner ersuchen ebenfalls um individuelle
Einschätzung. Nur eine Minderheit von ihnen sei Drogenhändler, die anderen
würden Drogenhandel scharf verurteilen usw. Nach 1 ½ Stunden intensivem
Gruppengespräch gleiten die Gespräche – was mich sehr freut – in Privatge-
spräche ab. Die benachbarten Polizisten und Afrikaner unterhalten sich angeregt
über die verschiedensten Dinge, wie z.B. Musik, Sport. Teilweise ist die Unter-
haltung geradezu freundschaftlich und herzlich, einige lachen. Dann, obwohl
niemand Anzeichen der Müdigkeit und der Langeweile von sich gibt, wird von
leitenden Polizisten die rege Diskussion abrupt abgebrochen. Die Polizisten
müssen zum nächsten Schulungstermin. Der Abschied fällt auf freundschaftli-
che Weise aus, es war für alle Beteiligten ein interessanter Nachmittag.
Zwei Tage später sendet mir Michael Spranger die Evaluierungsergeb-
nisse der Veranstaltungsreihe per Email. Unser Seminar schneidet in der Beur-
teilung der Polizisten besonders gut ab und beweist die Wichtigkeit dieser erst-