Minderjährige Flüchtlinge 157
und der Sudan. Die Jugendlichen sind jetzt in einer fatalen Situation. Ihr Asyl-
antrag wird negativ beschieden, da für die Asylbehörde damit auch der Rest der
Geschichte unglaubwürdig wird.
Die Flüchtlinge werden damit immer tiefer in einen Strudel aus Un-
wahrheiten gezogen und sind irgendwann mit der Tatsache konfrontiert, keine
oder eine nur sehr geringe Chance zu haben, in Österreich ein normales Leben
zu führen, arbeiten zu dürfen und sich eine Zukunft aufzubauen zu können. Da-
zu kommt die Erwartungshaltung der Angehörigen im Heimatland: Oft haben
viele Angehörige oder mehrere Familien Geld zusammengespart, um einen jun-
gen Burschen nach Europa zu schicken, um durch dessen spätere Gegenleistun-
gen auch die eigene Situation verbessern zu können. Oft findet man lebens-
fremde „Hollywoodvorstellungen“ bei den Jugendlichen vor, die durch Fernse-
hen und „Mundpropaganda“ entstanden, und dann der Konfrontation mit der
traurigen Realität keinesfalls standhalten. In solchen Fällen lastet also nicht nur
der Druck auf ihnen, selbst überleben zu müssen, sondern sie fühlen sich auch
noch für Familienangehörige verantwortlich, die in Afrika Hoffnungen in sie
setzen. Es ist für viele Flüchtlinge undenkbar, ihrer Familie ihre wirkliche Le-
benssituation in Österreich zu gestehen, was die Vision vom „Goldenen Euro-
pa“ in der afrikanischen Bevölkerung weiter pflegt.
Im Zuge des Asylverfahrens wird so von vielen eine neue Identität kon-
struiert. Ich möchte in diesem Zusammenhang ein kurzes Fallbeispiel zitieren,
das ich im Buch „Soziale Arbeit mit Kinderflüchtlingen“ fand, das mir die Au-
gen öffnete und mich lehrte, mit dem Problem „Lüge und Wahrheit“ besser um-
gehen zu lernen:
„Wie heißt du?“
„Wie alt bist du?“
„Wie und wo kommst du her?“
-wird Bubaquar gefragt, als er an dem Schreibtisch einer
Sozialarbeite-rin in der Erstversorgungseinrichtung für Kinderflüchtlinge steht.
Er wiederholt, was er auch am Tag zuvor auf der Ausländerbehörde
schon mal jemandem geantwortet hat, der ihm die gleichen Fragen
stellte; Name, Geburtsdatum, Herkunftsland.
Er nennt nicht seinen eigentlichen Namen und auch nicht sein
tatsächli-ches Geburtsdatum – er ist jemand anderes geworden.
Bubaquar wollte weg von zu Hause, denn dort, wo er herkommt, sah er
keine Chancen. Das Land in dem er lebte, ist korrupt und hat sich
im-mer noch nicht erholt von dem Bürgerkrieg, der zwar offiziell die
Kolo-nialzeit beendet, aber keine funktionierenden Strukturen gebracht hat.
Bubaquar hat zwar den Krieg selbst nicht mehr erlebt, kämpfte aber
je-den Tag auf der Straße um einen „pocket-money-job“.
Er war gut in der Schule, hätte gerne einen qualifizierten Job gehabt.
Statt dessen trug er an einem Tag Zementsäcke, am nächsten Tag war er
Bote für den Stoffhändler und am übernächsten Tag fand er gar nichts.